Fuck it up: Bewusst scheitern für den Erfolg

„Fuck up on purpose“, hat Motivations- und Business-Guru Gary Vaynerchuck einmal geraten. Also Fehler in Kauf zu nehmen, nicht immer nur die Sonne zu erwarten, auch im Unwetter zu spielen. „The Subtle Art Of Not Giving A Fuck“ von Mark Manson hat sich über drei Millionen mal verkauft und Manson erklärt, wieso es manchmal sehr befriedigend sein kann das Image des Überfliegers loszuwerden. Doch wer will absichtlich scheitern? Ich zum Beispiel. Und ich verrate dir weshalb.

Bewusst Fehler zu machen ist die reinste Form von „Get out of your comfort zone“. Bewusst zu scheitern, selbst wenn man im Vorfeld ahnt, das eine Aktion nicht so verlaufen wird, wie man es sich erhofft oder vorgestellt hat. Das ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen und beherrschen wollen. Ich setze diese Methode gerne bei Workshops ein. „Ich soll bewusst einen Fehler machen? Gehts noch?“, ist die häufigste Antwort auf meinen Vorschlag, wenn es darum geht Menschen in neue Blickwinkel zu stellen.

Wir lernen von Kindesbeinen an Fehler zu vermeiden. Wir lernen zu laufen, stolpern, stehen auf – üben das so lange, bis wir ohne zu stolpern gehen können. Wir lernen zu sprechen, üben bis wir uns fließend verständigen können. Und so geht es weiter. Wir sind bei allem was wir tun darauf konzentriert, nur keine Fehler zu machen. Bemühen wir ruhig wieder einmal die Evolution: Damals in der Höhle und bei der Mammutjagd waren Fehler tödlich. Glücklicherweise sind seither einige Zehntausend Jahre vergangen und wir haben uns von steinzeitlichem Gedöns abgewandt (zumindest die meisten von uns). Es ist nun die Zeit gekommen, in der wir uns auf den Lorbeeren der erfolgreichen Evolutionsgeschichte ausruhen und das Fangnetz austesten dürfen, das wir uns gespannt haben.

Wir müssen uns weiterentwickeln. Wir müssen Fehler machen. Jeden Tag.

Fehler zu machen ist natürlich längst nicht mehr nur ein Überlebensding. Dass wir Fehler unterbinden müssen, das wird uns in Schulen, Universitäten und bei der Arbeit deutlich gemacht. Wer Fehler macht, muss negative Konsequenzen fürchten. Rausgeworfen zu werden, aus der Schule, aus dem Job – und damit raus aus der Gesellschaft. Gerade diese Angst rausgeworfen zu werden, also aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, hindert die meisten daran Fehler zu machen und zu lernen. Die Wahrheit liegt meistens, und wie so oft, in der Mitte und ist wesentlich harmloser.

Die einzige Frage, die dich zu interessieren hat, wenn du etwas verändern willst ist: Was ist das Schlimmste, das dir passieren kann?

Dabei zählt weniger das Resultat an sich, also etwa ob du danach pleite oder arbeitslos bist, sondern wie du mit dieser neuen Realität umgehen würdest. Kannst du mit dem neuen Status umgehen und wärst du bereit dich einer neuen Realität zu stellen? Könntest du aus dieser Realität heraus etwas Neues schaffen oder würdest du doch nur heulend und Chips knabbernd auf deinem Sofa versauern?

Es gibt eine Möglichkeit scheitern zu lernen: In dem man es jeden Tag übt.

Hier schließt sich der Kreis und ich verrate dir, warum ich so gerne scheitere. Warum ich mich an den Grundsatz „Fuck up on purpose“ halte und was ich darunter verstehe. Ich liebe es zu scheitern, weil es mir aktuelle Grenzen aufzeigt oder sie sprengt. Ich starte ein Projekt, ein Vorhaben, setze eine Idee um – selbst wenn es sich um einen einfachen Textbeitrag für meinen Blog handelt. Möglicherweise erkenne ich noch während des Schreibprozesses, dass dieser Text nicht das ist, was ich eigentlich sagen wollte. Er widerstrebt mir sogar. Eigentlich müsste ich alles löschen. Neu schreiben. So wie es sich für mich gut anfühlt. Doch ich entscheide mich bewusst dagegen. Ich veröffentliche den Text und nehme negative Reaktionen bewusst in Kauf. Ich lerne neue Grenzen kennen, oder aber, dass meine selbst gesteckten Grenzen viel zu eng waren. Ich lerne möglicherweise auch, dass ich mich mehr trauen kann. Ich lerne eine neue Sichtweise einzunehmen und andere Sichtweisen kennen, etwa durch Kommentare.

Fuck up on purpose. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Bevor mich jemand falsch interpretieren will: Es geht hier nicht darum Fehler zu machen wie bei einer roten Ampel nicht anzuhalten oder zu testen, ob man einen Sprung aus drei Metern heil übersteht. Das sind keine Fehler, sondern Dummheiten. Ich spreche von Fehlern, die deine Komfortzone erweitern.

Es geht darum, seine Grenzen auszutesten.

  • Wie viele Minuten kannst du zu spät in einem Meeting erscheinen?
  • Wie lange kannst du ein vermeintlich dringendes Mail unbeantwortet lassen?
  • Was passiert, wenn du ab 12 Uhr einfach keine Anrufe mehr annimmst und alle per automatisierter Antwort auf deine Mail verweist?
  • Was, wenn du deinem Kunden heute einfach mitteilst: Ich habe erst morgen wieder Zeit für dich.

Vermutlich wirst du schon jetzt deine Stirn runzeln, den Kopf schütteln und murmeln: „So ein Unsinn, das kann ich mir nicht leisten!“ oder „Das ist nicht kollegial“ oder aber „Das tut man nicht!“ And there we go. Bist du Notfallschirurg, Polizist, Feuerwehrmann, Sanitäter – geht es in deinem Job um Menschenleben? Nein? Dann sage ich dir: Du kannst es dir leisten, deine Grenzen zu testen. Du kannst es tun, du kannst es wagen. Denn außer Menschenleben (und natürlich auch das Leben anderer Lebewesen) ist nichts auf dieser Welt wirklich wichtig.

Ich erwarte an dieser Stelle keine Zustimmung von dir. Ich erwarte kein Verständnis. Du kannst darüber nachdenken, du kannst es als Unsinn abtun. Aber behalte es im Kopf und lass die Idee reifen. Irgendwann wirst du an einem Punkt ankommen, an dem du bereit bist einen bewussten Fehler zu machen, um die Grenzen deines sozialen Umfeldes auszutesten. Wenn es dann passiert sein wird, wirst du verstehen was ich meine – und warum „Fuck up on purpose“ der beste Weg ist, um seinen Selbstwert zu steigern.